Sonntag, 15. September 2013

Ein Stinkefinger als Politikum

Wenn es nicht so traurig wäre müsste man lachen. Da wird der Name eines Menschen mit dem eines anderen Individuum in Bezug gebracht, der von einer Anklage in die nächste läuft und reagiert spontan.  Da hat die stets kontrollierte Politikerfassade ein wenig gebröckelt und sichtbar wurde ein ... Mensch.

Ein Mensch, der sich ärgert. Ein Mensch der vielleicht auch persönlich be- und getroffen ist. Und keine Politikermaschine, die alles weglächelt oder mit einer Standardfloskel alles glattbügelt.

Stimmt, dass kam bei dem Politiker Steinbrück auch schon häufig vor. Aber hier mal nicht.
Und er hat der Unsitte widerstanden, dass Politiker und alle sonstigen A bis D-Prominenten alles gesagte und gezeigte noch einmal gegenlesen, korrigieren oder freigeben dürfen. Es lebe die geschönte Hochglanzwirklichkeit der Presse. Er hat das Foto nicht gestoppt. Das wäre wahrscheinlich die einfachste und von allen Strategieberatern gewünschte Lösung gewesen. Einfach so zu tun, als habe es die Geste nicht gegeben.

Dann wäre der Wahlkampf - Hier die sympathische Mutter der Nation, die für ihre Zög- und Schützlinge nur das Beste will und dort der sachkompetente aber distanzierte Besserwisser, der nur die Kontenance verliert, wenn seine Frau ins Spiel kommt - so weitergelaufen wie bisher. Zumindest der, der großen Parteien, welche mit Lull und Lall ein großes schwarzes Tuch über solch Themen wie NSA, Syrien etc. legen und sich nur mit Belanglosigkeiten wie weiter so versus besser machen aufhalten.

Und jetzt halt ein Foto, eine Geste. - Ein Aufschrei.
Er ist ob der Geste nicht wählbar. Wie kann ein Staatsmann, der sich um eine hohes Amt der Bundesrepublik bewirbt nur so gehen lassen. Die Kanzlerin sei in Griechenland oder in England mit ganz anderen verglichen worden und habe immer gelächelt. Die Genossen schütteln den Kopf. Für wen machen wir nur Wahlkampf. Der boykottiert unseren Wahlkampf.

Erinnert sich noch wer an Wehner, Brandt oder Strauß?!  Es gäbe wohl noch andere Exemplare von Politikern, die ihr Herz auf der Zunge getragen haben. Und eventuell einer Politikverdrossenheit vorgebeugt haben.

Mir sind Politiker lieber, die sich mal spontan und unkontrolliert zu einer Geste oder Antwort hinreißen lassen, als welche die stets kontrolliert und poliert die von fremder Hand verfasste Rede vortragen und Emotionen oder was sie dafür halten als Stilmittel einbauen.

Ich will wissen, was hält Politiker A von Thema Z  und als Antwort nicht die Parteimeinung hören oder eine Aussage, die je nach, auch vermuteter, Zuhörerschaft  entweder  X oder U enthält. Auch keine platte Antwort wie: "Ich würde ja gerne, aber die Sach- und Finanzzwänge lassen das nicht zu!"

Wer für eine Antwort eine Schere im Kopf nutzt, wird diese auch bei der Umsetzung einsetzen. Wer nur das Machbare für erstrebenswert hält, wird kreative Ideen als spinnerte Ideen abtun. Der wird  rechts und links auftauchende Möglichkeiten nicht erkennen oder gar benennen, weil die Presse und das vermutete Wahlvolk diese vermeintlich nicht hören möchten.

Wer maximal 40% der zu Wahl gehenden hinter sich hat, hat mehr als die absolute Mehrheit gegen sich. Das sollte eigentlich den Mut geben auch mal Dinge anders zu machen und sei es nur einmal eine menschliche Regung zuzulassen.

Denn dann kann aus "die da oben" "Mensch, der ist ja einer von uns" werden.